Luther 2017 Cranach 2015

Über das Gebäude

Das größte innerstädtische Anwesen, das auch mit dem höchsten Schoßbetrag von jährlich 2 Schock Groschen (120 Groschen) belegt war, erwarb Cranach d. Ä. 1517 von den Erben Martin Pollichs von Mellerstadt. Mit dem Anwesen brachte er auch das Apothekenprivileg Pollichs in seinen Besitz, das letztlich Caspar Pfreundt erbte, der 1550 Anna, die jüngste Tochter Cranachs, heiratete. Der Ende 1513 verstorbene Martin Pollich war Medizinprofessor und Gründungsrektor der Leucorea gewesen, außerdem Leibarzt Kurfürst Friedrichs. Pollich war im Gründungsjahr der Leucorea (1502) an der Ecke Schloss-/Elbstraße ansässig geworden. Cranach zahlte erstmals im Sommer 1518 die Grundsteuer für die Hausstelle Coswiger Viertel 1, während der Winterschoß 1517 durch den „Apotecarius“ entrichtet wurde. Gemeint ist Petrus Culitz aus Mittweida, auch „Peter Apoteker“, der sich im Sommer 1515 an der Leucorea immatrikuliert hatte. Ab 1518 war er im Marktviertel 9, heute Markt 23, ansässig, vermutlich als Mieter der Familie Brück (> Markt 23). Cranach hatte Culitz als Apotheker angestellt, da er sonst nicht zum Betrieb der Apotheke berechtigt gewesen wäre.

Zur Finanzierung der Immobilie Schlossstraße 1 veräußerte Cranach seine Häuser Markt 5 und Markt 4. Markt 5 ging an Valentin Mellerstadt, der damit ein Tauschgeschäft einging; 1518 wird er als Schoßzahler für Markt 5 in der Kämmereirechnung geführt. Markt 4 übernahm Ambrosius Reuter.

Bereits 1524 ließ sich Valten Mellerstadt, der Bruder und Erbe Martin Pollichs von Mellerstadt, im heute als »Hamlethaus« bezeichneten Anwesen Collegienstraße 12/13 nieder.

Die Familie Cranach besaß das Anwesen Schlossstraße 1 bis wenigstens 1644: Auf Cranach d. Ä. folgte spätestens mit dessen Übersiedlung nach Weimar Cranach d. J., nach dessen Tod die Witwe Magdalena geb. Schurff und nach deren Tod (1606) der Schwiegersohn Dr. Polycarp Leyser. Leyser hatte 1580 Elisabeth, die jüngste Tochter Cranachs d. J. aus zweiter Ehe, geheiratet. Er wirkte in Wittenberg von 1576 bis 1587 und noch einmal von 1593 bis 1594 als Stadtpfarrer und Generalsuperintendent; später bekleidete er in Dresden das Amt eines Hofpredigers. Leysers Wappen zeigt zwei Halbmonde; es schmückt gemeinsam mit der Cranach-Schlange die Toreinfahrt. Als (nomineller) Mieter seiner Schwiegermutter erhielt Leyser 1583, 1585, 1587 und 1593 aus dem Gemeinen Kasten, der allgemeinen Kirchenaksse, ein ansehnliches „Miethgeld“.

Im Türkensteuerregister von 1528 wird der Wert des Anwesens Schlossstraße 1 mit 2.000 Gulden beziffert: "vii c ß [700 Schock Groschen, also 42.000 Groschen] ader ii m [2000] gulden, das grossi Haußß die Apotheka". Diesem Betrag entsprach der 1517/18 vereinbarte Kaufpreis, den Cranach in Raten bis 1527 abstotterte. Der 1638 im Einquartierungsverzeichnis beschriebene Bestand – ein dreistöckiges Vorderhaus, zwei Hinter-, ein Seitengebäude, 20 heizbae Räuem (Stuben), in Stein erbaut – dürfte im Wesentlichen dem entsprochen haben, was noch heute vorhanden ist, obwohl das Vorderhaus im 18. Jahrhundert durch einen Brand stark in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Das Anwesen Schlossstraße 1 wurde wie Markt 4 Anfang der 1990er Jahre von der Stadt Wittenberg gekauft und seitdem in mehreren Abschnitten saniert. Die 1517 und 1521/22 geschlossenen Verträge sind verloren, so dass das 1517/18 vollzogene Geschäft von Cranach und Valentin Mellerstadt nur mit Mühe zu rekonstruieren ist. Aufschlussreich sind einige später erfolgte Einträge im Handels- und Gerichtsbuch, auf die bereits Monika Lücke (Literatur: Lucas Cranach und die Cranachhöfe, 1998) hingewiesen hat. Am 9. November 1525 verpfändete demnach der Goldschmied Christian Döring, der am Kauf der "apothecken" beteiligt gewesen war, sein Wohnhaus (Coswiger Viertel 9/ Schlossstraße 4), "zcwyschen Burckhardt Krinitz unnd er Georgen heusern gelegen", an Valten Mellerstadt. Döring war seinen bis 1524 fälligen Verpflichtungen über die Zahlung von 200 Gulden nicht nachgekommen. Eine Woche später, am 16. November 1525, einigten sich Mellerstadt und Cranach darauf, dass Cranach seine eigene noch offene Kaufsumme in Höhe von 428 rheinischen Gulden in Raten bezahlen sollte. Erst nach der letzten Zahlung wollte Mellerstadt das Haus Schlossstraße definitiv an Cranach übergeben.

Dementsprechend wurde am 12. Juli 1527 festgehalten, dass Cranach nun die Kaufsumme von 2.000 Gulden – der 1528 taxierte Wert – vollständig beglichen hatte und das Haus nun ganz sein Eigentum sei.

Wer zu welchem Zeitpunkt zwischen 1517 und 1527 welches der Häuser Schlossstraße 1, Markt 5 und MV 84 in welcher Weise nutzte, ob Valentin Mellerstadts Haus am heute als »Holzmarkt« bezeichneten Platz zunächst eventuell noch im Bau war, kann aus diesen lückenhaften Überlieferungen nicht zweifelsfrei abgeleitet werden. Eventuell hatte Cranach ihm den Markt 5 als Sicherheit überschrieben, ohne dass daraus praktische Folgen erwuchsen und jemand ausziehen musste. Interessant ist darüber hinaus, dass Döring am Erwerb der Schlossstraße 1, damals noch Standort der Apotheke, beteiligt war und vielleicht auch deshalb in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Festzuhalten ist auch, dass Valten Mellerstadt den Erlös des Verkaufs der Schlossstraße 1 einsetzte, um die Hausstelle am sog. Holzmarkt zu erwerben oder ein Haus dort gar zu errichten, und dass Tauschgeschäfte im Immobiliensektor offenbar gängige Praxis waren.
weiterlesen

Literaturhinweis

Insa Christiane Hennen, »Cranach 3 D«: Häuser der Familie Cranach in Wittenberg und das Bild der Stadt, in: Das ernestinische Wittenberg: Spuren Cranachs in Schloss und Stadt, im Auftrag der Stiftung LEUCOREA hrsg. von Heiner Lück u. a., (Wittenberg-Forschungen, Bd. 3), Petersberg: Michael Imhof Verlag 2015, S. 313-362. - Hier auch die ältere Literatur!